Die Stadt erlesen

Unter dem Motto „Spiele das Spiel“ hielt sich die Düsseldorfer Künstlerin Vera Vorneweg im vergangenen Jahr (2025) für drei Monate in der Pförtnerloge in der Fabrik Heeder auf. Während dieses Aufenthalts entstand ein Text, der verschiedene Orte in Krefeld in den Blick nahm. Dieser Text wird nun auf die Fassade einer ehemaligen Bäckerei (Ecke Lewerentzstraße/Tannenstraße) aufgetragen. Die Literatur-Installation wird von der NachbarschaftStiftung unterstützt und von der Sparkasse Krefeld finanziert.

Das Projekt – Die Stadt erlesen

 

 

DIE STADT ERLESEN

Vera Vorneweg

 

I

 

Pförtnerloge, Fabrik Heeder, 12:50 Uhr

 

Der neue Schreibort und seine eigenen Gesetzmäßigkeiten – Fenster von allen Seiten, Transparenz; ich sehe was, das du auch siehst, und das bin ich.

 

Die Kartographie des Ortes gemäß des Dort-Vorgefundenen, jetzt und hier und in diesem Moment: Die warme Mittagssonne, das Zufallen einer Tür, Schritte auf dem Asphalt, das Quietschen von Autobremsen, von irgendwo ein Hupen.

 

Der rote Backstein der Fabrik und das darauf angebrachte Schild STUDIOBÜHNE II; Schlüsselgeklimper, eine Tür im Gebäude wird geöffnet, ein Mann tritt heraus.

 

Das Rauschen eines Flugzeugs und die Antwort eines Vogels, wieder öffnet sich etwas, diesmal eine Autotür, Zuklappgeräusche, ein sich einlegender Rückwärtsgang, es knackt, kurz darauf ein Piepen.

 

Der Flügelschlag einer Elster, Federrascheln und ihr aufsteigender Flug gen Himmel, hin zum wolkenlosen Blau.

 

Die scharfen Schatten der Mittagssonne und das sich darin abzeichnende Geländer der Pförtnerloge und ich, sitzend zwischen den Schattengitterstäben, gefangen, gehalten in der Bewegung des Schreibens, SPIELE DAS SPIEL.

 

  1. Mai 2025, 13:10 Uhr

 

II

 

Lewerentzstraße 1, 14:00 Uhr

 

Der wiedergefundene Füller, das rostige Braun und der dazu farbgleiche Tee, dampfend im Glas vor mir stehend, daneben ein Zuckerstreuer.

 

Die auffallende Dichte an Männern auf der Straße, vornehmlich in Schwarz gekleidet, sich gegenseitig etwas auf dem Handy zeigend, laut diskutierend, rauchend.

 

Der Versuch, in den Gesichtern der Menschen die Straße abzulesen, das Gelände auf meine Art zu vermessen.

 

AKTION: BAD-WC-SET, 3-TEILIG, SUPERSOFT und die vielen, vor dem Haushaltswarengeschäft zum Verkauf angebotenen ziehbaren Einkaufswagen, von buntkariert und geometrisch gemustert bis schlicht und einfarbig, grau.

 

Die großförmigen Plastikbehälter, marmeladenglasgleichgroß mit einer glibbrigen, weiß-wabernden Masse darin, HAARGEL, daneben eingenetzte Sandspielzeuge, ein gelb-blauer Bagger und eine rote Schaufel, zusammengefasst zu einem Spielpaket.

 

Pantoffeln aus Plüsch im Leopardenlook und Plastiksandalen, plötzlich: aufrauschende Baustellengeräusche, ein Plastikzaun wird aufgebaut, ein LKW mit aufgeladenem Bagger braust vorbei.

 

Ein sich an das Baustellenschild lehnender Mann mit türkisem T-Shirt und sein in die Stadtferne sinnierender Blick, vor seinem Bauch baumelt eine Plastiktüte in weiß mit rot-grüner Aufschrift.

 

Passierende Frauen mit ihren Taschen und Einkäufen, XXL-Toilettenpapierpackungen und müden Augen.

 

Ein Vogel und ein schnattrig quäkender Ruf, gänzlich mit seinem Laut die Straße einnehmend, Sekunden-Herrschaft.

 

Die sich dem Haushaltswarengeschäft annähernde Mutter mit ihren zwei Kindern, ein ertönender Schrei, „not now“ und ein in Tränen ausbrechendes Kind, HIER STEHE ICH UND ALLE SIND IM RECHT.

 

  1. Mai 2025, 14:30 Uhr

 

III

 

Pförtnerloge, Fabrik Heeder, 12:30 Uhr

 

Das Aufziehen des Füllers mit der neuen Tinte und die blubbernden Geräusche der Flüssigkeit, schöne neue Farbe, schöne neue Welt.

 

In der Farbe der Tinte noch ein wenig vom alten Rot, Reste von gestern, als Spur, als Zeichen: und dies war meine Geschichte.

 

Das Betreten des großen weißen Raumes und die Freude über den antiken Schreibtisch: da, wo ich schreiben kann, da bin ich zu Hause.

 

Der Blick auf den Platz und den runden Brunnen und auf die ihm entsteigende Wassersäule, ein sich in den Raum sprudelnder Flüssig-Geist, fluide in seiner Form, beruhigend durch seine stetige Veränderung, nichts bleibt, wie es ist.

 

Der schlafende Mann auf der blauen Metallbank und die ihm am Kopf liegende Plastiktüte in Gelb-Rot, unter ihm steht eine Bierflasche.

 

Das auf den Treppenstufen des Platzes sitzende Pärchen, vielleicht eine Zufallsbekanntschaft, vielleicht ein Elternpaar, auf dem Schoß der Frau sitzt ein Mädchen mit Kleid und zusammengebundenem Haar, am Kinderwagen baumelt eine Stofftasche.

 

Das Klimpern von Schlüsseln, ein vorbeifahrender Kleintransporter und das nie stoppende Plätschern des Wassers aus dem Brunnen, alles bewegt sich, alles verwandelt sich, nichts will da bleiben, wo es ist.

 

Das ungewohnte Gefühl, in einem Raum zu sitzen, der von allen Seiten einsehbar ist – hier bin ich Anschauungsobjekt, Rätselobjekt, „was machst du eigentlich hier“, „ich schreibe“.

 

Die Menschen und ihr Müll und die Möglichkeit, in den Hinterlassenschaften den Ort zu deuten, BÜCK DICH NACH NEBENSACHEN.

 

  1. Mai 2025, 13:00 Uhr

 

IV

 

Pförtnerloge, Fabrik Heeder, 11:30 Uhr

 

LKW-Geräusche, ein zuverlässiges, gleichmäßiges Rauschen, ohne Höhen und Tiefen, Ankunft in einem Ton.

 

Der Fahrradfahrer und sein starrer Blick nach vorn, weißes T-Shirt, weiße Hose und eine Brille mit kleinen, rund-eingefassten Gläsern.

 

Der sich nun vom Platz bewegende LKW, ein Aufbrausen, ein Piepen, ein eingelegter Rückwärtsgang, es knackt.

 

Der runde Brunnen und das mittig aus ihm herausschießende Wasser, wassergeistgleich, mal in der Form eines Engels, mal in der Form eines Ritters, so viel ist noch nicht geschrieben.

 

Das sich auf den Boden vor dem Brunnen schmeißende Kind und die auf der Brunnenkante mit der Freundin sitzende Mutter, den Zornesausbruch des Zöglings betrachtend, aber nicht einschreitend.

 

Zwei sich kreuzende Männer mit Rucksack, der eine raucht, der andere beißt in ein Brötchen, kein Blick zueinander, kein Blick zurück.

 

Die Vogelversammlung unter dem Baum, drei Krähen, eine Taube und eine Elster, emsig den Boden abpickend, kein Krumen darf verloren gehen.

 

Die beim Aufziehen auf den Füller Luftblasen schlagende Tinte, aufbegehrend im Glas, dies ist dein Weg: nach oben.

 

Zwei Männer auf der Bank, vertieft in ein expressives Gespräch, sich in den Himmel streckende Arme, zum Mund geführte und dabei aufeinandergepresste Daumen-, Mittel- und Zeigefinger, „das habe ich dir doch gleich gesagt“.

 

Die Klimaanlage auf dem Dach vis-à-vis, ein kleiner minihausgleicher Apparat, FRIOTHERM, darüber eine weißbauschige Wolke, wie von einem Maler arrangiert, als Dach, als Krönung; ja, DER KÜNSTLER – ER EINTE DIE DINGE.

 

  1. Mai 2025, 12:00 Uhr

 

V

 

Bürgerkrug, Gladbacher Straße 23, 13:00 Uhr

 

Eine braune Eckbank und ein runder Tisch mit weiß-grauer Plastiktischdecke, STAMMTISCH RESERVIERT.

 

Auf dem Stammtisch ein Bierdeckelhalter, BITTE DANKE BITTE EIN BIT, daneben ein pinker Blumentopf mit Margeriten aus Plastik, auf der anderen Seite eine durchsichtige Plastikflasche mit Desinfektionsmittel, FORMADES.

 

Auf der Fensterbank eine weitere Ansammlung von Plastikblumen in kleinen Töpfen: eine Narzisse in einem pinken Übertopf, eine Sukkulente in einem Goldtopf, eine gelbe Primel in weißem Topf.

 

„Wir haben hunderttausend leuchtende Sterne gesehen, doch für diese drei kleinen Worte mussten erst Jahre vergehen“ und die vielen, durch die Musik übermittelten Botschaften mit den immer gleich wiederkehrenden Themen: Liebe, Enttäuschung und Liebe.

 

Das Drück-Geräusch der Spielautomaten und die direkt darauf aus den Automaten tretende Antwort, ein zuverlässiges Rauschen und Klingen mit hin und wieder leichten Variationen.

 

Ein im weißen Unterhemd und weißen Shorts den Bürgerkrug betretender Mann, die Frau hinter dem Tresen begrüßend und dabei in die Hände klatschend, „hey, hey, was ist los hier“.

 

Die insgesamt sieben, geometrisch in zwei Linien verteilten  quadratischen Tische mit blausamtigen Tischdecken – um einen jeden Tisch stehen vier Stühle aus hellbraunem Holz, alle einander gleichend, keine Variation.

 

Der durch die Gaststätte auf- und abschreitende Unterhemdmann, hin und wieder aufhustend und eine strenge Rasierwasserwolke hinter sich herziehend, eine Mischung aus Moschus und Minze.

 

Das jetzt sehr laut schellende Telefon der Tresenfrau, ein Dancehallton, lauter als die Musik und die Spielautomatengeräusche zusammen, „du schon wieder“.

 

„Ich stelle dir einen Leuchtturm auf, der leuchtet dir den Weg zu mir, wenn dich die Sehnsucht packt“, so die Musik, so die Ansage zur Orientierung.

 

Der Blick aus dem Fenster und der Parkscheinautomat, HIER PARKSCHEIN LÖSEN und darunter ein schwarzer Pfeil, am Fenster klebt ein Zettel, DIESES LOKAL WIRD VIDEOÜBERWACHT.

 

Die zu zwei Dritteln abgeklebten Scheiben der Gaststätte mit durchsichtiger, ornamentanmutender Maserung, das Innenleben des Bürgerkrugs für die vorbeigehenden Menschen verbergend, ein Geheimnis kreierend, ich sehe was, was du nicht siehst.

 

Das Eckregal ohne Fernseher und die zwei wie als Stellvertreter stehenden leeren Whiskeyflaschen mit schwarzem Etikett, JACK DANIELS, TENNESSEE, wieder schellt das Telefon.

 

Die insgesamt zwei an der Garderobe hängenden Jacken, darunter zwei an der Gaststätteninnenwand lehnende Fahrräder, ein Rollator und ein Schiebe-Kinderwagen für Haustiere, keine Besitzer in Sicht.

 

Der Kaffee, die drei Zuckerwürfel und das kleine Tetrapack Milch daneben, GUTES LAND, 7,5% KONDENSMILCH, WÄRMEBEHANDELT.

 

Der schwer im Raum hängende Zigarettenrauch, verschmolzen mit der Wand und der Luft und den Automaten, Farbgrundton: gelb-braun, alles ist eins.

 

„Du sagst, du kommst zurück“ und die Unterbrechung des Songs durch LKW-Geräusche, für einen Moment ist alles Rauschen.

 

Dann kurz darauf wieder das Geklackere der Spielautomaten und die wieder hörbare Musik, „durch den Sturm, auf verschlungenen Wegen, komm ich zu dir“.

 

Die zum Rauchen rausgehende und kurz die Spielautomaten verlassende Tresenfrau, „Renate, Renate, bitte Einsatz, bitte Einsatz“, zu der Freundin Richtung Automaten rufend, SPIELE DAS SPIEL.

 

  1. Mai 2025, 13:30 Uhr

 

VI

 

Pförtnerloge, Fabrik Heeder, 13:00 Uhr

 

Der grau-weiß durchwölkte Himmel und ein durch das geöffnete Fenster dringender Windstoß; zu Boden fliegende Schreibblätter, das unterste nach oben kehrend.

 

Das Stimmengewirr auf der Straße, „ich habe da eine Frage, was die fünf Euro angeht“ und „das kläre ich heute nachmittag, die Konferenz dauert noch“.

 

Der die Äste und Blätter bewegende Wind und eine im Fabrikinnenhof telefonierende Frau, „wie gesagt, ich habe dir ja erklärt, warum, tschö, ok“.

 

Ein vorbeirauschendes Auto, kratzendes Metall über Stein und erneut eine telefonierende, über die Straße gehende Frau, „ich werde auf jeden Fall früher zurückkommen“.

 

Die zwei auf der blauen Metallbank sitzenden Männer und der große Abstand zwischen ihnen, die Geschichte einer in der Zukunft liegenden Freundschaft erzählend, vielleicht.

 

Ein über den Gullydeckel fahrendes Auto, sich pressendes Reifengummi auf Metall, ein Quietschen und Knirschen erzeugend.

 

Das auf dem Schreibtisch liegende Schnittmuster und die vielen dort aufgezeichneten Wege, „Einhalten, Bruch, Abnäher, Musterlinie, Schluss“, WILDNIS, WO BIST DU?

 

  1. Mai 2025, 13:16 Uhr

 

VII

 

Altes Stadtbad, Freischwimmer e.V., 16:50 Uhr

 

Der schwarze langkörprige, auf meiner Schreibhand landende Käfer, robust-kurze Haare und eine orangene Zeichnung, sich über meine Hand tastende Fühler, ein Dschungel aus Haut und Haar.

 

Das grün-braune Wasser, eine morastige Suppe, darauf Wasserläufer und Birkensamen, fluide in ihrer Formierung, ein immer neues Muster bildend.

 

Die dünnen Birken am Beckenrand, mutig-zähe Jungbäume, in den engen Fugen der Asphaltsteine ihren Halt findend, in den Räumen dazwischen.

 

Die Ankunft des Reihers und das Aug-in-Aug mit dem grauen Vogeltier, ich sehe ihn und er sieht mich; er bleibt.

 

Ein aufkommendes Flugzeugrauschen und der über dem einstigen Schwimmbecken hin- und herschwingende rot-weiße Ball, an einer Kette aus Eisen baumelnd, an die Zeiten vergangener Badefreude erinnernd.

 

Der den Hals krümmende Reiher und seine Verwandlung in ein sehr altes Wesen, in eine buckelige Oma, sein Federkleid nun dem Stamm der Birken gleichend.

 

Stuhl-Hin-und-her-Geschiebe und ein kratziges Metall-Stein-Geräusch und der in diesem Moment zusammenzuckende Reiherkörper, alles ist miteinander verbunden.

 

Der Reiher und sein eingeknickter, jetzt aufs Wasser gerichteter Lauerblick, und seine Fähigkeit, den Kopf in Windeseile um einhundertachtzig Grad zu drehen.

 

Ein die Springbrettstufen hochhüpfender Eichelhäher, blau-leuchtende Federn am Schwanz, und das lautstark-gurrend, über das Becken fliegende Taubenpaar, Könige und Königinnen der Stadtlüfte.

 

Die runde Lesebühne in der Mitte des Beckens, darauf ein Stuhl aus Metall, darüber ein gelb-weißer Schirm, an eine Darbietung erinnernd, an eine Zukunft mit Vergangenheit.

 

Das erneute Aufgurren der Tauben und ihr Hin- und Hergefliege auf den Metallstahlträgern des Stadtbad-Gebäudes, Flügelaneinandergeraschel, ein Federrauschen.

 

Die fünf Seerosen auf dem Wasser, zwei pinke und drei weiße, und ihre Geometrie bei der Anordnung der Blätter, Schönheit durch Perfektion.

 

Das weitentfernte Tönen eines Martinhorns und die Wasserschlauch-Gießgeräusche, überall Beete mit Zwiebeln, Zuccini und Tomaten.

 

Die Flechten und das Moos an den Steinen und die Eroberungsversuche der Ritzen seitens des Efeus; eine dickbauchige Fliege landet auf dem Schreibpapier.

 

Das Rauschen der Birken als das feinste und leiseste Blätterrauschen, ÜBERHÖR KEINEN BAUM UND KEIN WASSER.

 

  1. Mai 2025, 17:20 Uhr

 

VIII

 

Platz der Deutschen Einheit, 13:15 Uhr

 

Zwei nach rechts geknickte Köpfe, geschlossene Augen, der zu einem Kopf gehörende Körper auf der Bank sitzend, der andere im Rollstuhl, überall auf dem Boden Schalen von Sonnenblumenkernen.

 

Eine hohe Dichte an neben der Bank liegenden DURSTLÖSCHER-Trinkpäckchen in Rot, Geschmack SAUERKIRSCHE-ZITRONE.

 

Ein plötzlich aufschreiender Mann, „ich muss hier nur kontrollieren, ich muss hier nur kontrollieren“, und ein auf dem Rand des Brunnens Sitzender mit rotem Trainingsanzug und Kopfhörern; Fuß, Hand und Kopf wippen im Takt der Musik.

 

Das nie endende Plätschern des Brunnens, ohne Pause das Wasser nach oben schießend, für das Grundrauschen auf dem Platz sorgend, die Bewegung.

 

Aufkommender Wind von Osten und eine ihren Flug aufnehmende Papiertüte, schnell an Höhe gewinnend, Aufstieg Richtung Wolken.

 

Schnelle Knirsch-Kieselschritte und ein passierender Mann mit Kopfhörern, Sonnenbrille, Jeans und T-Shirt, den Blick starr geradeaus gerichtet.

 

Der Mann im Rollstuhl mit seinen geraden, nach vorne ausgestreckten Beinen, und seine in weiße Tennissocken gekleideten Füße mit roter Schrift, COKE.

 

Ein rasselndes Aufhusten des neben ihm auf der Bank Sitzenden und das sich direkte Einschalten der Vögel; als warteten sie nur auf Menschengeräusche, auf Kommunikation, auf Verbindung zu uns.

 

Zwei Tauben, eine dünne und eine aufgeplusterte, Gurr-Balz-Reiz-Rosen-Laute ausstoßend, nimm mich.

 

Die kleine, über den Rand des Schreibhefts turnende Spinne, sich ein Spiel aus dem hin- und herwehenden Heftrand machend, sich ständig verändernder Abgrund.

 

Das Müll-Stillleben auf dem Boden in der Nähe der Buchsbaumhecke: Sonnenblumenkernschalen, Zigaretten, Kronkorken, die Reste einer Mandarine, Coffee-To-Go-Becher.

 

Die Anlieferung neuer Autos für das auf dem Platz situierte Autohaus, drei weiße und ein gelbes, aufkommend-laute Quietsch-Geräusche und eine sich aufklappende Rampe, Metall trifft auf Asphalt.

 

Ein aufkommender Windstoß, einen strengen Urin-Geruch mit sich bringend, beginnende Schattenspiele des über mir liegenden Blätterdachs auf dem Notizbuchpapier.

 

Zwei zu den Männern auf der Metallbank hinzugekommene Freunde, sich lautstark begrüßend und Zigaretten austauschend, für einen Moment ist alles Rauch und Luft.

 

Ein auf Lautsprecher geführtes beginnendes Telefonat, das auf der anderen Seite mit einer automatischen Stimme beantwortet wird, „the person you are calling is temporarily not available“.

 

Der neu hinzugekommene Mann, jetzt sein Gesicht zum Licht drehend, rot und voller Narben, eine andere Geschichte vom Platz der Deutschen Einheit erzählend.

 

Eine am Brunnen vorbeigehende Frau in einem pink-weiß-gemusterten Sommer-Overall, ihr Handy mit ausgestrecktem Arm auf sich richtend, redend, in die Kamera winkend, SUCH DEINE AUGEN.

 

  1. Mai 2025, 13:56 Uhr

 

IX

 

Fatih Camii Kulturverein, Saumstraße 12, 14:00 Uhr

 

Ein grüner, sich im Hinterhof ausklappender Teppich und die vielen durch den Eingang strömenden Männer mit ihren Söhnen, „wir beten jetzt gleich, mein Schatz, wir beten jetzt“.

 

Überall Schuhe und die jetzt durch den Lautsprecher tönende Gebetsstimme, eine sakrale Atmosphäre erzeugend, beginnender Gesang.

 

Das beginnende Rauschen einer Kühlanlage, sich zu Boden senkende Köpfe und ein hin- und wieder mein Gesicht suchendes Augenpaar, immer wieder Handygeklingel.

 

Ein auf mich zukommender Mann mit Hut und kariertem Hemd, freundlich lächelnd, „kann man Ihnen helfen“.

 

Ein sich kurz anschließendes Gespräch über die fehlenden Frauen und den Neubau der Moschee, „ja, die Frauen beten meist zu Hause, ja, der erste Spatenstich ist bereits erfolgt“.

 

Die nun einhundert auf dem Boden sitzenden Männer, geschlossene Augen, tief verbunden mit der ununterbrochen aus dem Lautsprecher kommenden Gebetsstimme, so viel Vertrauen.

 

Die überall blau hängenden Plakate, KURBANINI PAYLAS, vielleicht einen Handyvertrag bewerbend, vielleicht einen Fußballklub.

 

Die alle plötzlich aufstehenden Männer, den Anweisungen der Gebetsstimme folgend, überall Beine, Füße, Sockenpaare und mein sich senkender Blick.

 

Die sich auf den Ruf der Stimme aus dem Lautsprecher zu Boden legenden Männer, mit der Stirnseite den grünen Teppichboden berührend.

 

Ein leichter, in den Hinterhof wehender Wind, mein Haar ein Stück zur Seite bewegend, den über das Papier fahrenden Stift offenbarend, kein Wort zurück.

 

Hin und wieder ein Aufhusten und ein Aufbrausen von der Straße und meine stille Dankbarkeit für das Hier-Sein-Dürfen, KEHR HEIM IN DIE FREMDE.

 

  1. Mai 2025, 14:45 Uhr

 

X

 

Am Königshof 33, 13:16 Uhr

 

Die leere Wiese inmitten einer Siedlung, nur Gras und darauf weißer Klee, am Rand der Wiese eine Holzbank, am Ende eine dreistämmige Birke.

 

Die Birke und ihre in der Statur liegende Neigung, rund-knorpelige Äste, sich gen Erde beugend, alles hängen lassend und die sich leicht im Wind bewegenden Birkenblätter, ein feines Rauschen erzeugend.

 

Ein vorbeigehender Schuljunge, sein Telefonat auf Lautsprecher führend, „also für Informatik ist keine Vertretung eingeplant (….), den ganzen Tag (…), ja, ja, tschüss“.

 

Flugzeuggeräusche am Himmel und in der Ferne das Brummen der Autobahn, wieder rauschen die Birkenblätter.

 

Das mit Wein bewachsene Backsteinhaus vis-à-vis und die zwei am Dachfenster auftauchenden Kinderköpfe, ein Mädchen und ein kleiner Junge, fröhlich an die Scheiben trommelnd, winkend.

 

Die drei weiß geschlossenen Garagentore und dahinter der über alle und alles thronende Schornstein einer stillgelegten Fabrik, an die Arbeit erinnernd, damals in einem Land vor unserer Zeit.

 

Das Knallen einer Autotür und die durchs Gras stolzierende Elster, sich wohlgetarnt zwischen Kleeblatt und Blüte bewegend, nun auffliegend und sich aufs Dach über das Kindergesichterpaar setzend.

 

Das Fangspiel zweier Kohlweißlinge über dem Klee und das zielstrebige Anfliegen der Kleeblüten seitens der Hummeln, ewige Suche nach Süße.

 

Der unterhalb der Birke abgebrochene Ast, einem Menschenkörper ohne Kopf gleichend, mit einem überlangen Arm; Welt, wo bist du?

 

Das in der Hecke liegende Kinderschweifwurfgeschoss in Neonfarben, eine Spur vom vergangenen Kinderspiel in den Ort zeichnend, ICH HABE EIN STÜCK HIMMEL GERETTET.

 

  1. Juni 2025, 13:54 Uhr

 

 

gez.: Vera Vorneweg, im Mai und Juni 2025, Krefeld

Infos zu Vera Vorneweg

Vera Vorneweg (*1985) lebt als freie Künstlerin in Düsseldorf.
Sie arbeitet mit Text im öffentlichen Raum und beschriftet so verschiedene Flächen wie Wände, Fassaden, Tore und Denkmäler. Ihre großflächigen Textinstallationen bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur, visueller Kunst und Performance. Vera Vorneweg erhielt für ihre Arbeiten zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Harald-Gerlach-Preis (2019), das Künstlerstipendium NRW (2020), zwei Stipendien der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (2022/2023) und den Literatur-Förderpreis der Stadt Düsseldorf (2022). 2025 arbeitete sie als eingeladene Künstlerin im BBK Niederrhein-Projektraum DIE )PFÖRTNERLOGE( in Krefeld. Internationale Projekte realisierte sie u.a. mit dem Goethe-Institut Israel (2022) und dem Goethe- Institut Dänemark (2026). Seit 2022 kuratiert sie die Kunstkiosk-Veranstaltungen, eine Düsseldorfer Lesereihe zur visuellen Poesie.